Roland Trettl trifft Gérard Depardieu

Duell am Küchenherd

Im Kino ringt Gérard Depardieu oft um Liebe und Leben. Mit Roland Trettl kämpft er nur um eines: maximalen Genuss.

Natürlich wusste ich, wer Gérard Depardieu ist. Und ich wusste auch, wie der Star aussieht, der Cyrano de Bergerac, den Grafen von Monte Christo und Obelix verkörpert hat. Wer hat schon einen so unglaublichen Zinken im Gesicht? Trotzdem traute ich meinen Augen nicht, als er dann plötzlich in meiner Küche auftauchte und bereits nach wenigen Minuten Smalltalk bei den Köchen stand und unbedingt von allem kosten wollte. Der Mann ist eine Lawine, ein Erdbeben – schlichtweg Urgewalt.

Wir müssen jetzt die Uhr etwa ein Jahr zurückstellen, zu den Festspielen in Salzburg. Depardieu ist als Sprecher für Hector Berlioz’ „Lelio ou Le Retour à la Vie“ gebucht und reist im Privatflieger von Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz an. Um sich am Flughafen an den Journalisten vorbeizuschummeln, nutzt der Star einen Hintereingang im „Hangar- 7“, der ihn zufällig an der „Ikraus“-Küche vorbeiführt. Ein Umweg mit Folgen: Natürlich hat Depardieu sein SalzburgEngagement perfekt erfüllt – ansonsten haben wir ihn jedoch für drei Tage nicht mehr aus der „Ikarus“-Küche gekriegt.

Der hünenhafte Franzose ist ein überzeugter Foodie, und jeder kann mit ihm stundenlang über Essen und Weine diskutieren. Wenn ich stundenlang sage, meine ich das allerdings brutto. Netto ist es deutlich weniger, weil Depardieu permanent am Handy hängt. Filme, Drehbücher, Weingüter, Kunst, Ölfördern auf Kuba – ich dachte immer, ich sei beschäftigt, doch gegen Depardieu bin ich ein Faulenzer. Am meisten aber interessiert den Schauspieler alles, was sich in der Küche abspielt und im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass Depardieu in Paris zwei Restaurants hat. Rezepte, Produkte, Abläufe, alles wollte er wissen – und damit es nicht theoretisch bleibt, wollte er auch essen, essen, essen. Ein Traum für jeden Koch, der neugierige und kundige Gäste sucht. Bald war Depardieu und mir klar, dass wir ein gemeinsames Projekt brauchten, und haben uns dann den für mich und mein Küchenteam reservierten Festspielmonat August geteilt. Die Zusammenarbeit war so intensiv, dass daraus ein wunderschönes Kochbuch entstanden ist („Kulinarische Festspiele“, Collection Rolf Heyne, 58 Euro).

Doch um bei der Wahrheit zu bleiben: Gérards Pariser Restaurant „La Fontaine Gaillon“ ist kein Hightech-Tempel. Sterne stehen da nicht im Lastenbuch. Aber genau das ist es, was mich dort fasziniert. Da folgt jemand seiner Idee einer deftig-kräftigen Kochkunst ohne viel Schnickschnack, obwohl er sich mit seinem Geld jede Geschmacksfinesse leisten könnte. Parfait von der Gänsestopfleber, Langostino-Ravioli mit Schmortomaten und Zitronenbutter, gebratenen Seezungenstreifen mit Bohnengemüse, glasierte Kalbshaxe mit Kartoffelpüree und Pfifferlingen – auf ehrliche Art wird eine gutbürgerliche französische Küche auf den Punkt gebracht. Und damit Sternesammler doch noch auf ihre Kosten kommen: Die Produkte, egal ob Jakobsmuscheln oder Schweinekotelett, die Chefkoch, Depardieu- Freund und Restaurantpartner Laurent Audiot auftreibt, gibt’s in keinem Drei-Sterne-Tempel besser.

Überhaupt lohnt sich ein Gespräch mit dem meist schweigsamen Audiot. Wenn er ins Plaudern kommt, verrät er nämlich, dass das „La Fontaine Gaillon“ kein Marketinggag zur Mehrung der Starfinanzen ist. Im Gegenteil: Wann immer Depardieu in Paris weilt, ist er fast täglich vor Ort. Ist Not am Mann, packt er selbst an – dann ist es gut möglich, dass Depardieu auch mal den Kellner gibt. Immer wieder steht der berühmte Franzose am Wochenende mit Audiot in der Küche und probiert neue Rezepte aus. Besonders Schmorgerichte liebt er. Wirklich und wahrhaftig: Das „La Fontaine Gaillon“ ist 100 Prozent authentisch Gérard Depardieu. Als er nach erfülltem Festspiel-Job wieder nach Paris zurückkehren musste, ist er übrigens zu uns in die Küche gekommen, um sich von allen zu verabschieden. Ich war leider nicht da – deswegen besorgte er sich meine Handy-Nummer und bedankte sich noch mal auf diesem Weg persönlich. Einfach toll, wenn große Stars auch großartige Menschen sind.

Recorded von Christoph Schulte • Fotos: Red Bull Photofiles / Helge Kirchberger, Joerg Lehmann

Restaurant La Fontaine Gaillon

1, Rue Gaillon
F-75002 Paris
Frankreich 

Tel.: +33/1/47 42 63 22

www.la-fontaine-gaillon.com

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