HangART-7 Edition 17: Polen
"In dunklen Wäldern"
Das Kunstprogramm HangART-7 startet das Kunstjahr 2011 mit acht jungen KünstlerInnen aus Polen. Die Ausstellung mit dem Titel "In dunklen Wäldern" zeigt zeitgenössische polnische Malerei von 26. Februar bis Anfang Mai 2011 im Salzburger Hangar-7.
Der Ausstellungstitel "In dunklen Wäldern" verweist durchaus auf Stimmungslagen, die aus vielen Farben gezeichnet, doch dann wieder auffallend von dunklen Farben und von starken Kontrasten geprägt werden. Das Licht scheint teils blitzartig, wie zwischen Bäumen auf oder es tauchen überraschend Themen und Motive, wie ein Lichtschein auf Leinwänden auf, als träten sie aus einem geheimnisvollen Wald von Erinnerungen und Phantasmen hervor. Mit allen Mitteln einer anspruchsvollen Technik versuchen die jungen KünstlerInnen, ausgebildet in den traditionsbewussten polnischen Akademien, unsere Sinne mit teils märchenhaft wirkenden Bildern herauszufordern.
Kuratorin Lioba Reddeker zur Ausstellung
Die 17. Ausstellung der Reihe HangART-7 widmet sich unserem Nachbarland Polen, ein Land, das doch eigentlich recht nah liegt, von dem aber vermutlich wenige sagen können, dass sie es gut kennen. 2009 und 2010 waren für Polen wieder einmal denkwürdige Jahre durch zahlreiche politische Auseinandersetzungen und dem plötzlichen Tod des umstrittenen Präsidenten bei einem Flugzeugabsturz. Zu solchen Anlässen gibt es große internationale Presseberichte. Aber sonst? Doch da Polen seit 1989 nach wie vor intensiv an der politischen und wirtschaftlichen Neuorientierung arbeitet, können wir bei aufmerksamer Betrachtung im raschen Takt die Veränderungen und Neustrukturierungen auch in den gesellschaftlichen Bereichen von Kultur und Kunst beobachten.
Der Widerstand in den 80er Jahren endete mit grundsätzlichen Veränderungen auch in der Kulturpolitik. Museen wurden neu besetzt, private Galerien und Foundations übernahmen langsam die Definitiornsarbeit und Internationalisierung in der bildenden Kunst. Die Nationalgalerie Zachęta oder die 1966 gegründete Galerie Foksal seien stellvertretend für die zahlreichen Initiativen in Polen von Danzig über Posen bis Krakau genannt.
Ausgestattet mit einer reichen kulturellen Geschichte und einer ehrgeizigen jungen Generation entstehen Arbeiten, die unseren Blick auf dieses Land und seine Kunst schon seit vielen Jahren bereichern. Vom Hier und Jetzt aus gesehen liegt der Aufbruch in der polnischen Malerei in den 90er Jahren am nächsten. Mit ihm verbinden sich international bekannte Namen wie Adam Adach, Marcin Maciejowski oder Wilhelm Sasnal u.v.m., eine Generation der in den frühen 70er Jahren Geborenen, auf die jene hier teilnehmenden jungen Künstler ebenfalls Bezug nehmen.
Die vorgestellten Künstlerinnen und Künstler schlagen zumeist leise und weiche Töne an, die hier und da an die Musik des historisch wohl populärsten polnischen Künstlers – Frédéric Chopin – erinnern könnten. Sie lassen einen romantisch getönten Schmerz des Verlustes anklingen, ein Verlust, der Veränderung notwendig macht, Veränderungen, die eine junge Generation polnischer Künstler gegenwärtig als Herausforderung begreifen muss. Denn dieser Prozess wird nicht mehr von den anrührenden Klängen Chopins begleitet. Es sind vielmehr die Geräusche von Städten und Lebensumgebungen, durchsetzt von politischer Rhetorik, marktschreierischem Lärm und dem Pulsschlag aufgestachelter Sehnsüchte.
Religion, Staatsdoktrin und Patriotismus sind nur die lärmende Kulisse, hinter der das Brachland von kargen Lebensmöglichkeiten liegt. Die Kälte, die uns gegenwärtig zwingt, ist anderer Art. Für viele junge Polen ist es das Los der Arbeitsmigration und der sozialen Probleme. Die hier versammelten Künstlerinnen und Künstler stellen sich in beeindruckender Weise diesen Herausforderungen und zeigen mit ihren Werken auf die vielfältigste Weise, wie sie sich neu orientieren, wie sie mit ihrer Kunst andere Sichtweisen ermöglichen. Geben wir ihnen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Es kann auch eine Reise zu uns selbst werden.
Es werden Arbeiten von drei Künstlerinnen und fünf Künstlern gezeigt:
Aleksandra Bujnowska (*1979), Michał Chudzicki (*1983), Aleksandra Czerniawska (*1984), Michał Korchowiec (*1987), Dorota Kozieradzka (*1982), Andrzej Roszczak (*1974), Michał Szuszkiewicz (*1983), Michał Zawada (*1985)
Weiterführende Informationen
Ausstellungsdauer und Öffnungszeiten
26. Februar bis Anfang Mai 2011
Täglich von 09:00 - 22:00 Uhr
Aleksandra Bujnowska
(*1979, lebt und arbeitet in Warschau)Aleksandra Bujnowskas Gemälde sind aufgeladen mit einem dissonanten Grundton. Was auf den ersten Blick schön und verführerisch erscheint, wendet sich schnell in ein spannungsgeladenes Gefüge, das den Betrachter auf die ausgelegten Fährten lockt. Kleine Lichtpunkte in der bodennahen Dunkelheit einer spätabendlichen Landschaft markieren die Taschenlampen von Suchtrupps. Das Gezeigte wird zu einem Schauplatz. Die implizierte Handlung bleibt unsichtbar und legt, mittels des darauf verweisenden Bildtitels Night searching, eine immaterielle „suspense“ Ebene über das Bild.
Die Künstlerin behandelt in Ihrer Arbeit Themen wie Angst und Ungewissheit; eingebettet in alltägliche Orte und Situationen. Der Schein trügt. Das Schöne hat hier auch eine dunkle Seite. Filme wie beispielsweise die von Alfred Hitchcock, ebenso wie alltägliche Eindrücke und Empfindungen, stellen für die Künstlerin Ausgangspunkte ihrer Arbeit dar.
Die Serie Rambo zeigt Landschaftsausschnitte mittleren Formats, die durch ihre langgestreckten Proportionen unmittelbar an Kinoleinwände erinnern. Dunkle Wälder oder ein felsiger Strand werden hier zu einem malerischen Ereignis, das weit über eine Abbildung eines Film-Stills hinausreicht, indem es dem betrachtenden Auge eine Vielzahl an Sinneseindrücken suggeriert.
Michał Chudzicki
(*1983, lebt und arbeitet in Krakau)Das Fenster ist ein häufig verwendetes Motiv in der Malerei. Es auf eine simple Funktion als Fluchtpunkt zu reduzieren, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Das Fenster ist Symbol der Trennung von Innen und Außen und schafft zwei gegenüberliegende Seiten. Neben seiner Rolle als Grenze oder Brücke, lässt uns das Fenster erkennen, auf welcher Seite wir uns befinden: die eine Seite des Fensters eröffnet uns die Außenwelt, die andere gewährt uns Einblick in die Intimität des Innenraums.
Der 1983 in Kraśnik geborene Künstler platziert uns in seinen Arbeiten ganz klassisch in das Innere eines Raums und dadurch in die Position des Künstlers. Was aber geschieht, wenn der von uns betrachtete Außenraum zum Auffangbecken unserer Erinnerungen wird? Zu alldem, was wir erlebt und vielleicht auch wieder vergessen haben? Es sind plötzlich nicht mehr wir selbst, die als neutrale Beobachter hinaus sehen – in eine fremde Gegend –, sondern in einen Spiegel blicken, angefüllt mit Erinnerungen und Bildern aus dem Unterbewussten in einem paradoxen, ja surrealen Spiel. So stellen sich seit 2009 die Bilder Michał Chudzickis dar, in denen der in Krakau lebende Künstler aus einem sehr persönlich und zeitgenössisch interpretierten Surrealismus schöpft.
Aleksandra Czerniawska
(*1984, lebt und arbeitet in Warschau)Aleksandra Czerniawska ist tief verwurzelt in der Stadt und der Umgebung ihrer Kindheit, der ostpolnischen Stadt Białystok, und stark geprägt von ihrem familiären Hintergrund, der das wesentliche Untersuchungsfeld ihrer künstlerischen Arbeit darstellt. Ihr aktueller Lebensmittelpunkt in Warschau schafft die nötige Distanz dafür.
Eine Reihe von Czerniawskas Gemälden führt uns in die Wälder ihrer Heimat. Die Gleichförmigkeit dieser Wälder macht eine Orientierung schwierig, sodass die darin abgebildeten Personen verloren erscheinen und nicht ersichtlich ist zu welchem Zwecke sie sich dort aufhalten. Man mag eine Suche vermuten nach Spuren vielleicht – Spuren der Vergangenheit – in denen sich die Akteure in den Bildern, wie auch der Betrachter gleichsam verlieren. Die Wälder bleiben still und für sich und werden durch subjektive Assoziationen und Projektionen zu virtuellen Aktionsräumen. Die Einfachheit dieser Bilder steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu ihrer suggestiven Wirkung, aufgeladen durch individuellen ebenso wie kollektiven Erinnerungen an eine mögliche Vergangenheit.
Michał Korchowiec
(*1987, lebt und arbeitet in Krakau)Michał Korchowiec, 1987 geboren, studiert derzeit an der Akademie der Künste in Krakau. Er versteht sich selbst als Künstler, der einen Freiraum schaffen möchte, in dem sich Gegenwart exemplarisch und unzensiert ereignen kann. Deshalb schätzt er auch das Werk von Artur Żmijewski (geb. 1966), der mit unkonventionellen und provokanten Filmen, beispielsweise über Vernichtungslager oder Menschen im Kampf gegen Schmerz und Tod, für heftige Debatten sorgte. Mit der konventionellen Art des Gedenkens halten sich viele Menschen die oft schmerzlichen Erinnerungen vom Leib und die Vergangenheit erstarrt, argumentiert Żmijewski, dessen künstlerische Sicht auch für Korchowiec Bedeutung hat.
In der gegenwärtigen Ausstellung sind die Malereien als Teil seines aktuellen Werkes – einer medienübergreifenden Installation – zu sehen. Er wählt immer jenes Medium, das sich am besten zur Umsetzung bestimmter Gedanken eignet. Im konkreten Fall sind es Malereien, die an verblassende Fotografien aus Familienalben oder an flüchtige Eindrücke und vergessene Gedanken erinnern, so als wären es die Nachbilder der vergangenen Jahre, in denen das Grau nicht nur metaphorische Bedeutung hatte.
Dorota Kozieradzka
(*1982, lebt und arbeitet in Warschau)Die Künstlerin malt mit Eitempera auf großen Leinwänden; eine sehr anspruchsvolle Technik, die keine Fehler erlaubt und im Gegenzug eine feine durchgehende malerische Oberfläche erzeugt. Der Sinneseindruck ist bemerkenswert. Die Spuren der Pinselstriche sind weitgehend unsichtbar, was die Gemälde auch auf einer materiellen Ebene in die Nähe der Fotografie rückt. Die Künstlerin scheut es nicht, sich indirekt an Vorbildern wie Vermeer oder auch Giotto und Masaccio zu orientieren, deren sorgfältige Handhabung von Farbe sich in ihrer Malerei widerspiegelt.
Trends in der Malerei sind ihr suspekt und so findet und erfindet Kozieradzka ihre eigene Bildwelt, bisweilen bewusst angelehnt an die Ästhetik des sozialistischen Realismus, die in Polen nach langjähriger Ablehnung gegenwärtig eine kontroversielle Neubewertung erfährt. Kozieradzka arbeitet in Bildserien, in denen sie ihre künstlerischen Fragestellungen abhandelt. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit Monumenten des sozialistischen Realismus (Aviator) stellen nun Flugzeuge das zentrale Motiv ihrer Gemälde dar.
Andrzej Roszczak
(*1974, lebt und arbeitet in Warschau)Die Ikonografie des Alltäglichen und ihre sichtbare Umwelt sind Ideengeber und zugleich Thema des 1974 in Krotoszyn geborenen Künstlers, der heute in Warschau lebt. Nach dem Studium der Malerei an der Universität in Posen und darauf folgenden, vorwiegend konzeptuellen Arbeiten mit Objekten aus unterschiedlichen Materialien, findet Andrzej Roszczak inzwischen in der Malerei sein vorrangiges Ausdrucksmedium.
Roszczak siedelt seine Bilder zwischen Pop Art und Hyperrealismus an. Er verwendet eine Bildsprache deren Möglichkeiten (auch heute) noch nicht ausgeschöpft sind, und die der Künstler mit Öl auf Leinwand in schwarzweiß neu interpretiert. Abbilder aus dem kollektiven Gedächtnis, wie das frontale Portrait von Brigitte Bardot, das er malt und den Titel The Most Expensive Portrait in the World trägt, hinterlassen beim Betrachter einen bleibenden Eindruck. Zuerst durch das Wiedererkennen und dann durch das Erkennen dieses Abbilds als Ikone. Im Gegensatz zur Pop Art, die sich – zum Zeitpunkt der Erstellung – mit zeitgenössischen Sujets beschäftigt, ist das gemalte Portrait von Bardot für das heutige Publikum ein Anachronismus.
Michał Szuszkiewicz
(*1983, lebt und arbeitet in Warschau)Das Buch Portrait of the Artist as a Young Dog von Dylan Thomas hinterlässt seine Spuren bei Michał Szuszkiewicz, der darin seine Bestätigung findet als Künstler ein Suchender sein zu können ohne strikte Festlegungen einer einengenden Programmatik. Szuszkiewicz spricht davon, dass ihm Routinen suspekt sind und beobachtet sich selbst bei der Arbeit genau um diesen zu entgehen, indem er bei den ersten Anzeichen, dass sein Tun zur Manier werden könnte schnellstens Format und Thema wechselt.
Michał Szuszkiewicz malt was ihm in den Sinn kommt. Da springt ein Äffchen mit erfrischender Wendigkeit über die Bildfläche und ist mit ebensolcher Leichtigkeit gemalt. Ein Bär auf einer riesigen Leinwand balanciert tänzelnd einen roten Ball. Tiere tauchen immer wieder auf, auch wenn ihnen der Künstler keine allzu wichtige Bedeutung beimessen will. Eine grüne Luftmatratze an ein nächtliches Ufer geschwemmt und eine, sich um rosarote Schlangen windende Laokoon-Gruppe machen sein breites motivisches Spektrum bewusst.
Michał Zawada
(*1985, lebt und arbeitet in Krakau)Michał Zawada benennt als sein primäres Interesse die Beschäftigung mit den Bildern selbst: Die erste Anmutung einer großen Anzahl seiner Bilder lässt zunächst an chromatische Abweichungen mit den dafür typischen, farbverschiedenen Rändern denken. In der Fotografie entstehen derartige Phänomene durch Abbildungsfehler der Objektive. Zudem wirken derartige Bilder dann auch unscharf und dunstig. In welchem Verhältnis stehen also diese Sachverhalte zu seiner Malerei, da diese doch keiner physikalisch-optischen Abbildungslogik unterliegen?
Das Verhältnis von Bild und Text dient gewöhnlich als Ankerpunkt der kritischen Befragung von Bildern. Michał Zawada verankert seine Befragung vielfach in den Bildtiteln. So benennt er beispielsweise eine gestisch abstrakte Malerei mit Nihil simile II, ganz so als könne Malerei der illustrative Ausdruck vom ironisch getönten Nihilismus sein, zu einer Art Nihilismus, der sich als Zahlenreihe, I, II, III ... entwickeln ließe.
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