HangART-7 Edition 18: Tschechien
Ein Tanz
Mit der 18. Ausstellung der Reihe HangART-7, liegt, nach Polen, der Fokus des diesjährigen Programms auf Osteuropa und lässt uns diesen Sommer von 09. Juli bis Mitte September nach Tschechien blicken. Ein Land, das eine reiche Kulturgeschichte vorzuweisen hat, mit internationaler Bedeutung. In der Literatur sind große Persönlichkeiten wie Franz Kafka und Milan Kundera zu nennen, die Namen der Komponisten Bedřich Smetana und Antonín Dvorák hinterlassen in der Musik einen weltbekannten Klang.
Aber nicht nur Musik und Literatur durchwandern dieses Land mit ihrem klassischen Klang und bewegenden Worten: auch die junge Kunstszene lässt sich entdecken, und dies besonders in der Hauptstadt Prag. Künstler werden aus den verschiedensten Regionen des Landes angezogen und finden hauptsächlich in der Prager Akademie der Bildenden Künste (AVU) - die historisch eine starke Malerei Tradition hat - die Möglichkeit ihre Kunst zu entfalten und sich in der tschechischen Kunstwelt zu etablieren.
Insgesamt wurden von der Kuratorin Lioba Reddeker acht KünstlerInnen in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Künstler und Kurator Daniel Pitín für die Ausstellung ausgewählt. „Von manchen Malern habe ich das Schaffen schon mehrere Jahre lang verfolgt. Sie arbeiten mit einem enormen Einsatz und wollen damit über die Grenzen des Landes hinaus. Nicht allen gelingt das bisher in der Praxis, jedoch bremst sie nicht ihr Mangel an Entschlossenheit, sondern vielmehr die Passivität der tschechischen Institutionen und die generelle Verschlossenheit der dortigen Verhältnisse in der Kulturpolitik.“ so der Co-Kurator Daniel Pitín im Ausstellungskatalog.
Ziel der Ausstellung ist es, die Vielfältigkeit der Ansätze zur figuralen Malerei zu zeigen und nicht nur denjenigen Künstlern und Künstlerinnen eine Plattform zu geben, die sich der Malerei schon eine Zeit lang professionell widmen, sondern auch denjenigen eine Chance zu geben, die die Szene gerade erst betreten.
Die Bildwelten der ausgewählten KünstlerInnen erzählen Geschichten von Orten und Menschen, meist von der persönlichen Erinnerung ausgehend und mit Alltagsszenen verwoben wie Josef Bolf oder Zbyněk Sedlecký. Manche Künstler lassen uns Neuinterpretationen von romantischen Motiven wie Landschaften erfahren wie Veronika Holcová. Narrativ und spielerisch zugleich, setzen sich die vorgestellten Arbeiten mit der Figuration auseinander (Tomáš Němec, Jakub Španhel). Dabei wird mit anderen Materialien wie Textil experimentiert (Michal Pěchouček) oder eine Sprache der Symbolik verwendet, die für den Betrachter oft ironisch erscheint und einen großen Raum zur Interpretation gibt (Robert Šalanda, Alžběta Josefy).
Gezeigt werden Arbeiten von:
Josef Bolf (*1971), Veronika Holcová (*1973), Alžběta Josefy (*1984), Tomáš Němec
(*1986), Michal Pěchouček (*1973), Robert Šalanda (*1976), Zbyněk Sedlecký (*1976), Jakub Špaňhel (*1976).
Weiterführende Informationen
Ausstellungsdauer und Öffnungszeiten
09. Juli bis Anfang September 2011
Täglich von 09:00 - 22:00 Uhr
Josef Bolf (*1971)
In seinen Malereien verdichtet Josef Bolf szenische (Erinnerungs-)Inhalte und zeigt sie als bereits bearbeitetes und überformtes Geschehen, in das unterschiedliche Kräfte einwirken. In Kindheitserinnerungen fließen spätere Erfahrungen ein, sowie Wirkungsreste von Filmen, Bildern und Gesprächen. Auch scheinbar zufällige Anlagerungen von Fernsehbildern, Zeichnungen aus Comics, aber auch Geschehnisse der Gegenwart werden zu Erinnerungsbildern verschmolzen. Das Medium der Malerei ermöglicht es Josef Bolf erzählerisch stimmige Bilder zu schaffen, die dennoch durch die malerische Gestaltung, Komposition und Zusammenführung disparater Bildelemente aus unterschiedlichen zeitlichen, medialen und inhaltlichen Quellen, jene Momente des Unheimlichen und Fraglichen zeigen, die Wirkungsreste des anderen sind, das uns eigen wurde.
Veronika Holcová (*1973)
Das Schaffen von Veronika Holcová stellt eine der markanten und zugleich heute relativ seltenen Erscheinungen des malerischen Ausdrucks dar, der auf einer unmittelbaren, rein sinnlichen illusionsbildenden Methode gründet. Sie beschäftigt sich zwar langfristig mit dem Thema der eigenen inneren Gefühle, den Quellen des individuellen und kollektiven Gedächtnisses; aber ihre Verbindung metaphysisch-surrealer Figuration mit der emotionalen Wirkung starker Farbigkeit hat immer wieder die Fähigkeit, bis hinter die Grenzen der sichtbaren Welt zu blicken. Eine Serie großformatiger magischer Landschaften (wie z. B. Dream of Roots, 2009, Dream of a Meeting, 2010), wurde mit einer Technik erstellt, die auf den ersten Blick wie zufällig wirkt. Zufällig ist hier allerdings nichts. Sorgfältige Pinselarbeit. Die Farben auf der Leinwand fließen ineinander, Farbklekse schichten und häufen sich, vegetative Formen verwandeln sich in gleichsam biologische Gebilde mit detaillierter Ausgestaltung.
Alžběta Josefy (*1984)
Malerei ist für die Künstlerin die natürlichste Ausdrucksform. Aus den vielen Möglichkeiten Kunst zu schaffen, ist dieses Medium die Form, in der Alžběta Josefy ihren Ideen einen Raum anbietet - einen Raum, in dem sie mit dramatischen Effekten modelliert und inszeniert werden. Vor hauptsächlich dunklem Hintergrund malt die junge Künstlerin Portraits oder, besser gesagt, Attribute und Symbole, anhand derer die dargestellten Figuren bezeichnet werden. Die geheime Welt der Geishas, die tiefe Konzentration eines Toreros bevor er sich zur Arena begibt, oder benutzte Tanzschuhe; die Künstlerin wählt einen Augenblick kurz vor oder nach dem Höhepunkt der Aktion, um die Spannung im Bild zu steigern. Auf subtile Weise werden damit latent vorhandene, aber häufig unsichtbare, dramatische Gefühle und Situationen zum Hauptthema der Arbeiten gemacht: die Scheinwerfer sind nicht auf die Hauptbühne sondern hinter die Kulissen gerichtet.
Tomáš Němec (*1986)
Die Interessen von Tomáš Němec sind weitläufig: Er liebt Filme von Pasolini, Hitchcock und Tarantino, begeistert sich für Musik, für Chopin und Callas genauso wie für Blondie und Édith Piaf. Und dennoch, all diese Interessen konvergieren auf ein gemeinsames Ziel hin, die Malerei. Sie führt uns Piaf vor, lässt sie singen, posieren und den Publikumserfolg genießen. Andere Bilder zeigen Alltagsgegenstände und Szenen, die tagebuchartig seine Welt festhalten: eine Krähe beispielsweise, inmitten eines Setzkastens, und vieles mehr, das, ganz im Gegensatz zu den theatralisch aufgeladenen Szenen mit der Piaf, unspektakulär und anekdotenhaft wirkt. Szenen, denen für gewöhnlich kaum das Überdauern als Kunst zugedacht werden würde. Die Malereien selbst, obgleich „klassisch“ in Öl auf Leinwand, gestaltet Tomáš Němec in einer Weise, die ihnen vielfach die Spontaneität von Aquarellen verleiht. Sie sind den flüchtigen Eindrücken jedoch angemessen: eine Rose, das kleine Hündchen, ein Teller oder ein Baum in voller Blütenpracht.
Michal Pěchouček (*1973)
Michal Pěchouček arbeitet mit verschiedenen künstlerischen Medien und seine Gestaltungsmittel sind ebenso vielfältig wie fallweise ungewöhnlich. In den Bildern dieser Ausstellung aus seiner Serie Time for Bed sind es beispielsweise reale Textilien, die mit der Leinwand, dem Malhintergrund, vernäht sind und als das auftreten, was sie als reale Objekte definiert, wie etwa Hemden, Unterwäsche und Pyjamahosen. Diese sind plastisch in das „Gemälde“ eingearbeitet und definieren dieses unabweisbar als Objekt, obgleich es figurative Bilder sind. Die Körper der so abgebildeten Personen erheben sich reliefartig. Sie sind aus dem Bildkörper herausmodelliert, wodurch der Bildträger nicht nur zum passiven Material wird, welches das Bild trägt, sondern selbst Medium und Bildinhalt ist.
Robert Šalanda (*1976)
Eine Reihe von zentraler Elemente definieren das gesamte Werk des in Olmütz geborenen Künstlers: reduzierte Sprache, geometrische Formen, Symbole und leere Flächen. Aber seine Gemälde sind nur ein Teil seines künstlerischen Oeuvres. Robert Šalanda, der 2002 das Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste bei Prof. Jiří Sopko absolvierte, entfernte sich für anderthalb Jahre vom Medium der Malerei, um danach wieder auf sie zurückzukommen. Die Arbeit mit verschiedenen Medien und der Wechsel von einem zum anderen bezeichnet er selber als Bruch. Auch in seinen Bildern bricht der Künstler ganz bewusst die Oberfläche der Leinwand, um Irritationen zu verursachen. Eine Linie endet abrupt oder ein Zweig wird gnadenlos abgeschnitten (untitled, 2009) – alles Versuche, das Bild von der Fläche zu befreien und Wahrnehmungssysteme zu hinterfragen.
Jakub Špaňhel (*1976)
Jakub Špaňhel malt seit seiner Kindheit. Treu hält er auch an den Themen fest, die er bearbeitet. Immer wieder kehren sie zu ihm zurück und mit gewissem zeitlichen Abstand revidiert er sie von neuem. So entsteht eine Serie von – oftmals wirklich monumentalen – Bildern, die zweifellos das gewisse Etwas besitzen, was sich nur sehr schwer exakt in Worte fassen lässt. Seine Malerei ist elementar, direkt, spontan, wild, unförmig, fließend, leuchtend, durchlebt, wahrhaftig, souverän, schwarz und golden. Durch formale Reduktion gelingt es ihm, den Zeichencharakter der Motive zu minimalisieren, gleich ob es sich um den immerzu selben Luster handelt, der einmal golden, einmal leuchtend ist, einmal über die Leinwand herabfließt oder allmählich verschwindet, oder um den dramatisch konzipierten Raum einer gotischen Kirche.
Zbyněk Sedlecký (*1976)
Stadtlandschaften und urbanes Alltagsleben sind die zentralen Motive im Werk von Zbyněk Sedlecký. Sein lasierender, fast aquarellhaft anmutender Farbauftrag unterstützt den Eindruck von flüchtigen Szenen, die seine Bildfindungen kennzeichnen: Menschengruppen in Passagen, vor Geschäften und auf öffentlichen Plätzen. Es ist kein gemeinsames Interesse, das diese Menschen zusammen führt sondern die gebaute Realität der Stadt, mit Gebäuden, Verkehrsanlagen, öffentlichen Plätzen und Geschäftszonen. Diese Stadtarchitektur strukturiert die Alltagsabläufe ihrer Bewohner und steuert mit unsichtbaren Regeln Bewegungen, Blicke und Tätigkeiten. Die flüchtigen Szenen und die scheinbare Beiläufigkeit des Geschehens, die in den Malereien gleichsam im Vorübergehen dokumentiert werden, sind im Kontrast zur Anmutung dieser, mit vorgeblich leichter Geste gestalteten Bilder, dichte Beschreibungen der Gegenwart und Lebensrealität einer ganzen Generation.
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