HangART-7 Edition 19: Baltikum
TIDES OF CHANGE
Neue Kunst aus Estland, Lettland und Litauen.
Der Begriff „sea change“ (Umbruch, Zeitenwende) fand im Zeitalter der Entdeckungen Eingang in die englische Sprache. Er beschreibt grundlegende soziale und kulturelle Veränderungen, die über das Meer das Festland erreichten. Man dürfte ihn zunächst auf erste Importe von Kartoffeln und Tabak – Grundnahrungsmittel im Baltikum – angewendet haben. Später dann wurde der Begriff auf alle wichtigen sozialen, kulturellen oder politischen Veränderungen ausgeweitet.
2011 liegt der Schwerpunkt des HangART-7 Kunstprogramms auf zeitgenössischer Kunst aus Osteuropa. Nach Polen im Frühjahr und Tschechien im Sommer leitet nun das Baltikum den Herbst ein. Unter dem Titel TIDES OF CHANGE wird von 01. Oktober bis Mitte November 2011 im Hangar-7 aktuelle Malerei aus den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland präsentiert. Die künstlerische Leiterin und Kuratorin des HangART-7 Kunstprogramms Lioba Reddeker hat gemeinsam mit dem Co-Kurator Simon Rees dafür zehn KünstlerInnen eingeladen.
„Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen werden im Allgemeinen nicht als eigenständige Länder, sondern als eine geographische Einheit, irgendwo nordöstlich von Zentraleuropa, wahrgenommen. Obwohl TIDES OF CHANGE in ihrem Titel Bezug auf die gemeinsame Küstenlinie der drei Staaten nimmt, widmet sich die Ausstellung den Aspekten der faszinierenden kulturellen Differenz genauso wie den Gemeinsamkeiten der Bildwelten. Sie zeigt die Entwicklung der sehr persönlichen Sichtweise der jungen Künstler, die dem Symbolcharakter der vorhergehenden Künstlergeneration, die eng mit dem kommunistischen System verbunden war, ambivalent gegenüberstehen und eröffnet über die zeitgenössische Kunst einen Blick auf die baltischen Staaten von heute.“ so der Co-Kurator Simon Rees.
Gezeigt werden Arbeiten von:
Konstantinas Bogdanas (*1961, Litauen), Andris Eglītis (*1981, Lettland), Merike Estna (*1980, Estland), Daiga Krūze (*1980, Lettland), Inga Meldere (*1979, Lettland), Alina Melnikova (*1983, Litauen), Tõnis Saadoja (*1980, Estland), Eglė Ulčickaitė (*1989, Litauen), Andris Vitolinš (*1975, Lettland) und Andrius Zakarauskas (*1982, Litauen).
Weiterführende Informationen
Ausstellungsdauer und Öffnungszeiten
01. Oktober bis Mitte November 2011
Täglich von 09:00 - 22:00 Uhr
Konstantinas Bogdanas (*1961)
Konstantinas Bogdanas wurde vom Maler zum Konzeptkünstler. Er arbeitet mit witzigen Bemerkungen und konzeptuellen Wortspielen, die keine explizite Form aufweisen und an die Arbeitsweise von Lawrence Weiner sowie die Künstlerkollektive Art & Language und General Idea erinnern. Für diese Ausstellung hat der Künstler an die Hangar-7 Glasfassade die Aufschrift „Reverse“ angebracht. Sie wurde im Inneren des Gebäudes geklebt und ist von der Außenseite spiegelverkehrt zu lesen. Diese Arbeit ist ein Verweis auf sein Langzeitprojekt den eigenen künstlerischen Status zu hinterfragen und sich gleichzeitig auf einer höheren Ebene als „Künstler“ zu behaupten – ein klarer und gewollter Widerspruch in sich.
Andris Eglītis (*1981)
Über viele Jahre hinweg hat sich Andris Eglitis der genauen Beobachtung seiner Umwelt gewidmet. Zunächst auf die Innenbereiche seiner Wohn- und Arbeitsumgebung und urbane Straßenszenerien fokussiert, die akribisch in seiner Malerei dargestellt sind, verlagert sich sein Interesse in letzter Zeit hin zum Land und zur Landschaftsmalerei mit einer dieser Umgebung entsprechenden Farbpalette. In den neuen Bildern von Eglitis reichen die Farben der Erde – Schiefertöne, braun, düsteres olivgrün, nebelgrau – bis in den Himmel, wodurch der Horizont und damit auch der herkömmliche Bildaufbau verloren geht.
Merike Estna (*1980)
Die Malereien von Merike Estna beeindrucken durch eine sehr virtuose, ausdrucksbewegte Pinselführung, die den Bildern einen expressiv-abstrakten Charakter verleiht. Fallweise, zumeist bei jenen Gemälden, die als Landschaften erkennbar sind, werden Bäume, Horizontlinien und topografische Formen zu malerisch-objekthaften Hinweiszeichen in flutenden, aufbrechenden und schlingernden Farbmassen. Die Künstlerin entwickelte einen Stil, der in einer Parallelbewegung von persönlicher Erfahrung und malerischer Entwicklung, konzeptionelle Aspekte in den Vordergrund rückte. Die Malerei selbst wurde zum Inhalt und zum Medium der Selbstbefragung.
Daiga Krūze (*1980)
Landschaften und im Speziellen der Wald haben für Daiga Kruze und ihre Bildwelt eine besondere Bedeutung. Sie müsse nicht im Internet nach Vorlagen oder Anregungen suchen, sagt die Künstlerin selbst, da sie all das im Wald vor Augen hat. Die Töne und Geräusche der Natur lassen sie die Farbe als „sound“ empfinden, den sie dann malt. Sounds of sunrise lautet sodann auch einer ihrer Bildtitel. Die so entstehenden Bilder sind der traditionellen Landschaftsmalerei nur dem Genre nach verpflichtet, da es keine künstlerisch gestalteten Landschafts-Abbilder sind. Sie können eher als Landschafts-Portraits verstanden werden, die aus dem Zusammenspiel verschiedener Farbklänge entstehen.
Inga Meldere (*1979)
Inga Melderes Bilder sind eine Mischung aus Film-Snapshots, Fotoaufnahmen und Illustrationen, wie aus einem Märchen entnommen. Aber die Szenen ihrer Bilder sind keine Dokumentation, sie erzählen auch keine bestimmte Geschichte. Ihr geht es nicht um die Beschreibung einer Situation, sondern vielmehr um die Verbindungen zwischen Figur und Geschichte, zwischen Künstlerin und Betrachter sowie um das Thema zwischenmenschlicher Beziehungen. In den Bildern von Inga Meldere vermischen sich Pastellfarben und bunte Farbflächen zu einer originellen Kombination, nur gebrochen durch Stellen, an denen die Zeichnung, die Form, an Bedeutung gewinnt.
Alina Melnikova (*1983)
Mal kräftiger, mal nur in ganz zarten Farbnuancen legt sich die rote Farbigkeit wie ein Schleier über Alina Melnikovas Bilder. Zu den Rändern hin das Weiß der Leinwand entblößend, bildet die rötliche Farbe im Zentrum figurative Details aus. Gestalten sind erkennbar, mit großen Augen, langen Wimpern und herzförmigen Lippen, manche tragen Masken, Haare mutieren zu pilzähnlichen Gewächsen, Körperteile verlaufen sich zu organischen Formen. Es ist ein surreales Setting, in welches Melnikovas Bilder entführen. Die Künstlerin beschäftigt sich mit Stereotypen, Idealbildern, Lebensstilen und Subkulturen – mit den Mustern, die eine Gesellschaft herausbildet, um Komplexität zu reduzieren.
Tõnis Saadoja (*1980)
Es ist eine allgemein verbreitete Vorstellung, dass Malerei ein Medium sei, in dem es um die farbenreiche, subjektive, expressionistische und romantische Schilderung eines Gegenstandes geht. In der 90 teiligen Werkserie Hometown Tallinn (2007-2008) widerlegt Tõnis Saadoja diese Ansicht. Inspiriert durch einen Straßenmaler, dem er täglich auf den Touristenmeilen der mittelalterlichen Altstadt von Tallin begegnete, hat er ein postmodern pikareskes Bild der estnischen Hauptstadt, die auch sein Zuhause ist, kreiert. Die Arbeit ist einerseits eine innere Auseinandersetzung mit der Geschichte und Theorie der Nachkriegsmalerei, ein Thema, das in der Zeit der Sowjetunion ausgeblendet war. Andererseits handelt es sich aber auch um den Versuch mit einer althergebrachten Bildsprache in Dialog zu treten.
Eglė Ulčickaitė (*1989)
Wie Winterlandschaften erscheinen die nostalgischen Bilder von Egle Ulcickaite. Vielleicht weil Sehnsucht und Winter sich gut verstehen, wirken ihre Arbeiten in ihrer wehmütigen Einfachheit vollkommen. Diese nostalgische Stimmung ist begleitet von einem Blick in die Vergangenheit, was für die Künstlerin vor allem Familien- und Kindheitserinnerungen bedeutet. Auch die vermeintliche Erinnerung an Erlebnisse, die sie nicht kennt und zu verstehen versucht, formen ihre Bildkonzepte. Ihre pastellfarbenen Bilder folgen nicht allein minimalistischen Konzepten. Ulcickaite “belebt” die Szenen mit ein paar wenigen Elementen, die wiederum das Gefühl von Nostalgie hervorheben.
Andris Vitolinš (*1975)
Er sei fasziniert von der Menschheit, schreibt Andris Vitolinš. Dennoch malt er keine Personen, sondern von Menschenhand geschaffene Objekte. Seine bevorzugten Motive sind industrielle Landschaften und technische Gegenstände: schemenhafte Fabrikbauten, Leitungsrohre, die sich zu einem unendlichen Labyrinth verzweigen, freigelegte Baukonstruktionen, Ölpumpen, Autos. Vitolinš fotografiert Häuser und Objekte, die ihm auf Reisen und im Alltag begegnen und recherchiert ihre Geschichte. Im Malprozess werden die Objekte künstlerisch geformt und erhalten ein neues Antlitz. Nur bei genauer Betrachtung ist die ursprüngliche Aufnahme noch erkennbar.
Andrius Zakarauskas (*1982)
Die zerschnittenen und geschichteten Bildflächen von Andrius Zakarauskas ähneln gemalten Collagen oder fragmentierten und erneut zusammen gesetzten Bildausschnitten. Sie zeigen vielfach Teile von Figuren und Gegenständen, die an darstellende Malereien im herkömmlichen Verständnis von Bildern denken lassen. Erst die visuelle Logik des jeweiligen Bildganzen verschiebt die Wahrnehmungsgrenze von der Zone des Gegenständlichen hin in jenen Bereich, der die Bilder mehrdeutig erscheinen lässt. Dabei werden der Farbauftrag, die Komposition, Auslassungen, der Pinselstrich und selbst die Betitelung zu Zeichen, welche die Bildfläche zu einem Textfeld werden lassen.
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