Lockheed P-38 „Lightning“ F-5G-6-LO
Der Gabelschwanzteufel
Wer dieser Tage mit dem Ziel zum Hangar-7 kam, das neue Kronjuwel der Flying Bulls, die Lockheed P-38 „Lightning“ F-5G-6-LO zu bewundern, musste meist unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Mit ein bisschen Glück konnte man vielleicht einen Blick auf sie bei einem Tankstopp erhaschen – in ihr neues Heim kehrte sie aber meist erst spät abends zurück.
Können Sie sich an das Gefühl als Kind am späten Weihnachtsabend erinnern? Wenn man nicht einschlafen konnte und sich noch einmal zu den Geschenken geschlichen hat, um weiter mit ihnen zu spielen? In einem ganz ähnlichen Zustand muss sich Sigi Angerer, der Chef-Pilot der Flying Bulls, gerade befinden. Denn er verbringt im Moment jede freie Minute mit der silbernen Schönheit – und das vorzugsweise in der Luft.
Jetzt ist die P-38 nicht Angerers erster Warbird und die Fliegerei hat er auch nicht eben erst als Leidenschaft entdeckt. Die „Lightning“ hat einen eigenen Zauber, der selbst bei gestandenen Männern ungekannte Seiten zu Tage fördert. Ihr Vorbesitzer „Lefty“ Gardner, eine Fliegerlegende, ein Kriegsheld und mehrfach dekorierter Kunstflugpilot, begann Gedichte für und über sie zu verfassen. Andere haben ihren Beruf aufgegeben, um sich ganz dem Spendensammeln für die Bergung eines im Eismeer bei Grönland versunkenen P-38-Schwadrons zu widmen. Und jetzt eben Sigi, der seit der Ankunft der P-38 für all die anderen Schönheiten der Flying Bulls kein Auge mehr zu haben scheint.
Der Grund dafür lässt sich erahnen, wenn man die Chance bekommt, sich die „Lightning“ aus der Nähe anzuschauen. Schon von ihrem Äußeren ist sie etwas Besonderes: Die Dreirumpf-Konstruktion erinnert an einen amerikanischen Straßenkreuzer der 1950er Jahre und einen Raumgleiter aus einem Sci-Fi- Film zugleich. Wer- den die beiden Alli- son-12-Zylinder dazu gestartet, weiß man, wa- rum sie den Namen Triebwerke verdient haben: Der Sound der jeweils 1.500 PS starken Motoren spricht ohne Umwege die niedrigsten Instinkte an. Beobachtet man die Maschine bei schnellen Flugmanövern am Himmel, mit ihrem einzigartigen Leitwerk, das die Pilotenkabine und die beiden Triebwerksrümpfe umrahmt, packt selbst Menschen mit Flugangst die Faszination dieses Flugzeugs, das bei seiner Erstpräsentation nicht nur aufgrund seines Designs bereits für Furore sorgte.
Um ein besseres Gewicht-Leistungs-Verhältnis zu erzielen, brachen die Lockheed-Ingenieure in den späten 1930er Jahren mit damaligen Gepflogenheiten: Die Maschine wurde mit nur einem Cockpitplatz – statt der damals üblichen zwei Plätze – ausgestattet, dafür aber mit zwei Antrieben entwickelt. Das sorgte für eine hohe Reichweite, vor allem aber für eine hohe Endgeschwindigkeit: Mit rund 660 km/h war sie mehr als 160 km/h schneller als jeder damalige Flieger des USMilitärs. Ihre maximale Flughöhe von 6.500 m erreichte sie in nur rund sechs Minuten – bahnbrechend für die 1940er Jahre. Und das ist auch heute immer noch verführerisch genug, um selbst erfahrenen Männern den Kopf zu verdrehen.
Factbox
| Name: | P-38 Lightning |
| Spitzname: | „Gabelschwanzteufel“ |
| Hersteller: | Lockheed |
| Erstflug: | 27. Januar 1939 |
| Produktionszeit: | 1941 bis 1945 |
| Ursprüngliche Funktion: | Abfangjäger und Jagdbomber |
| Besonderheit: | Drei-Rumpf-Konstruktion, Wendigkeit |
| Länge: | 11,55 m |
| Spannweite: | 15,88 m |
| Höhe: | 2,99 m |
| Max. Reichweite: | 3.620 km |
| Motor: | 2x Allison V-1710-27 |
| Höchstgeschwindigkeit: | 666 km/h |
Weiterführende Informationen
Sigi Angerer's Logbuch
P-38 und die Kunst des Fliegens
Eigentlich wollten wir eine Mustang P-51, aber davon gibt es zurzeit etwa 170 Stück! Die Lightning war ja nie mein Traum – weil unerreichbar – aber da wusste ich von einer, die notgelandet war. Wie es weiterging, ist ja inzwischen weitgehend bekannt. Nun ein kleiner Rückblick:
Nur eine Handvoll Piloten auf dieser Welt können P-38 fliegen – aber nicht, weil der Rest der Aviateure zu ungeschickt ist – nein – sondern weil sie keine P-38 haben! Es gibt zurzeit vier flugfähige Lightnings, eine einzige in Europa – und das ist unsere! Die wahre Kunst ist es also, eine zu finden, zu kaufen und zu restaurieren. P-38 zu fliegen kommt im Schwierigkeitsgrad weiter hinten, da bin ich gerade.
Soweit das Wetter es zulässt, übe ich einige Male in der Woche, die ganze Konstruktion ist aus den späten 30er-Jahren, mit einigen eingebauten Unzulänglichkeiten: Beispielsweise die Bremsen – mit ihnen lenkt man das Flugzeug am Boden – sind so schwergängig, dass ich zum Fliegen immer meine Bergschuhe anziehe, zumal ich auch keine Fußballschuhe habe.
Die Propeller und die Ölkühlerklappen werden elektrisch verstellt, die Wasserkühlerklappen, Landeklappen, Querruder und Fahrwerk werden hydraulisch bedient, die Steuerung mit mechanischen Seilzügen. Dann sind da noch Gashebel, Gemischregler, Funkgeräte, Navigation, diverse Zusatzpumpen und zum Glück ein Autopilot. Zeitweise braucht man drei bis vier Hände, aber das Flugzeug ist einsitzig! Die Sicht nach draußen ist für ein Jagdflugzeug auch nicht besonders gut, aber man hat ohnehin kaum Zeit die Gegend zu bewundern, eine Höhenänderung zum Beispiel braucht bis zu 16 Handgriffe!
Aber ist man erst in der Luft, sitzt man wirklich im Cadillac der Flugzeuge: Bequem, kaum hörbare Triebwerkgeräusche – ein wundervoller Lärm durch 2x12 Zylinder – fast 3.000 PS und niemand, der sagt: „Lass mich fliegen!“. Die Landung ist dank der Fahrwerksauslegung recht einfach, aber dann kommt noch Bremsen und Lenken … Alles in allem ein wunderbares Erlebnis und ich darf dabei sein – meinen herzlichen Dank an unsere wahren Künstler!
Sigi Angerer
Chefpilot The Flying Bulls
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