MBB BO105 CB

Die Künstlerin

Es gibt nicht viele, die nach ihrer aktiven Zeit im Polizeidienst eine Künstlerkarriere einschlagen – und dann auch noch erfolgreich damit sind. Die MBB Bo105 CB hat es geschafft.

Ihre Leinwand ist der Himmel, in den sie die abenteuerlichsten Figuren schreibt: Wenn eine Bo105 der Flying Bulls bei einer Airshow zu einer Kunstflugvorführung ansetzt, bleiben reihenweise die Münder offen stehen. Loopings, horizontale Rollen oder Trudelflüge sind schon bei Flächenflugzeugen spektakulär – bei einem Helikopter wirken sie, als würde die Schwerkraft gerade Pause machen. Dabei handelt es sich – abgesehen von einer Schlankheitskur durch den Ausbau überflüssiger Ausstattungsteile – bei den vier Exemplaren der Flying Bulls um Standardmodelle des von MBB als Mehrzweckhubschrauber entwickelten Typs.

Die beiden in Salzburg heimischen Modelle aus dem Jahr 1974 (zwei weitere sind in den USA stationiert) verrichteten ihren Dienst bei der deutschen Polizei. Ihre Flugkünste verdankt die Bo105 ihrer Auslegung als Panzerabwehrhubschrauber. Um Boden-Luft-Raketen ausweichen zu können, wurde ihr eine bis heute unübertroffene Steuerfolgsamkeit verliehen. Möglich macht dies eine einzigartige Konstruktion: ein gelenkloses Rotorsystem, bei dem die üblichen Schlag- und Schwenkgelenke mit Anschlägen und Dämpfern entfallen. Für diese Bauart mussten die Ingenieure auf damals neuartige Werkstoffe zurückgreifen: So wurde der Rotorkopf aus einem Stück Titan gefertigt, die Rotorblätter bestehen aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Der Kunstflug diente den Machern dabei lediglich als Mittel zum Zweck, um potenzielle Käufer bei Flugvorführungen von der Standfestigkeit des neuen Systems zu überzeugen.

Viel Überzeugungsarbeit war von Seiten der Flying Bulls auch bei den Behörden zu leisten, denn eine Kunstflugzulassung für Hubschrauber gab es bis dato nicht. Schließlich absolvierten Piloten wie Hubschrauber 2005 eine Prüfung, die an die der Flächenflugzeuge angelehnt war. Und so kommt es, dass die einzigen vier für Kunstflug zugelassenen Helikopter weltweit im Besitz der Flying Bulls sind. Wer jetzt mit der Anschaffung einer Bo105 liebäugelt und sich bereits Loopings fliegen sieht, sollte wissen, dass die Kunstflugbewilligung mit strengsten Sicherheitsauflagen, wie extremen Laufzeitverringerungen bis zum Faktor 100, verbunden ist. Bauteile, die bei ziviler Nutzung nach 1000 Stunden ausgetauscht werden müssen, sind im Kunstflugeinsatz bereits nach zehn Stunden fällig.

Wer es trotzdem versucht, sollte sichergehen, dass das eine oder andere Sackerl an Bord ist: Zwar wirken beim Helikunstflug maximal 3,1 bis -0,5 G – allerdings werden die Figuren in viel engeren Radien geflogen. Ungeübte nehmen dann schnell eine grüne Gesichtsfarbe an. Wie alle Aktionskunst ist auch das Werk der Bo105 CB vergänglich. Denn mit dem zunehmend schrumpfenden Ersatzteilmarkt für diesen nicht mehr gefertigten Hubschrauber werden auch irgendwann die Darbietungen eingestellt. Gönnen Sie sich also diesen Kunstgenuss, wenn Sie die Gelegenheit bekommen – ein Hubschrauber auf dem Kopf ist ein Spektakel, das man nicht mehr vergisst.

Weiterführende Informationen

Sigi ‘Blacky’ Schwarz’s Logbuch

Sigi ‘Blacky’ Schwarz’s Logbuch

Hubschrauber und Kunstflug – das passt so gut wie ein Besuch des Papstes auf dem Christopher Street Day. Dachte ich. Bis vor etwa zwei Jahren. Dann erzählte mir einer meiner ehemaligen Flugschüler, dass er bei der Schulung für eine Bo105 einen Looping geflogen sei. Nun sind sich Angler und Piloten in einer Sache recht ähnlich: Durch den Umgang mit den Elementen verfallen die einen öfters ins Anglerlatein, und auch Flugkapitäne sind nicht ganz frei, ab und zu ins Fliegerlatein abzudriften. Deshalb hakte ich energisch nach, mein ehemaliger Zögling bestand aber auf seiner Version, sein Fluglehrer, ein ehemaliger Offizier der deutschen Luftwaffe, hätte dieses Flugmanöver mit ihm durchgeführt.

Jetzt war ich wirklich neugierig geworden. Nach einigen Recherchen luden wir – Hannes Arch, Chuck Aaron und ich – diesen Lehrer, den Ex-Offizier Rainer Wilke nach Los Angeles ein. Nicht ganz vorurteilsfrei, wie ich zugeben muss, weshalb wir auch einen wirklich langen Fragenkatalog vorbereitet hatten. Doch wir sollten überrascht werden. Der Mann, der uns dann gegenüber saß, war das personifizierte Understatement. Er erklärte uns die bis dato für unmöglich geglaubten Manöver mit einer Sachlichkeit, vor allem aber mit einer Selbstverständlichkeit und viel Wissen, dass wir es kaum erwarten konnten, mit dem Kerl loszufliegen. Und er hielt, was er versprochen hatte. Wir alle waren erfahrene Helikopterpiloten mit vielen Tausend Flugstunden und konnten doch nicht glauben, was mit einem Helikopter möglich ist. Wilke wurde der Ausbilder von Chuck und mir.

Nicht nur aufgrund der extremen Flugeigenschaften der Bo105 begannen wir zuerst mit Theoriestunden, parallel dazu mit der Kunstfluglizenz für Flächenflugzeuge. Bis wir schließlich die Prüfung absolvierten, vergingen noch zahlreiche Trainingsflüge, die anfangs nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauerten, um den Körper und die Wahrnehmung an die Belastungen zu gewöhnen. Unser Lehrer ist mittlerweile ein Kollege bei den Flying Bulls. Sollte Ihnen also irgendwann ein Bekannter von Hubschraubern erzählen, die auf dem Kopf fliegen oder sich um die Längsachse rollen – erklären Sie ihn nicht gleich für verrückt. Fragen Sie stattdessen nach, ob ein Ex-Offizier im Spiel oder irgendwo ein roter Bulle auf dem Hubschrauber zu sehen war. Es erspart Ihnen ein späteres triumphales Grinsen Ihres Gegenübers.

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