Boeing PT-17 Stearman

Die Zeitmaschine

Versetzt nicht nur den Betrachter zurück in die Zeit der Flugpioniere – Den Piloten ergeht es nicht viel anders.

Eine imposante Doppeldeckerkonstruktion, eine aggressive Flammenlackierung in Silber und Blau und eine steil in den Himmel ragende Front mit einem bulligen 9-Zylinder-Sternmotor: Kein Wunder, dass die Stearman mit ihrem Auftritt im Hangar-7 zu den meistfotografierten Flugzeugen zählt.

Leidenschaft wird aber in den seltensten Fällen vom „Everybody's Darling“ entfacht, sondern von den extremen Typen – und so eine ist die Stearman: eine Harley Davidson der Lüfte, ein Hot Rod des Himmels. Und wie bei ihren Pendants auf der Straße sollte man auch bei ihr keine hohen Ansprüche an Komfort und unkompliziertes Flugverhalten stellen. Die Piloten der Flying Bulls spaltet sie deshalb in zwei Lager – Liebhaber und, sagen wir, weniger begeisterte Flugkapitäne.
Sigi Angerer gehört zu letzterer Fraktion und nennt Flüge in der Stearman „die natürliche Auslese unter den Piloten“, eine Eigenschaft, die sie ihrem Spornradfahrwerk zu verdanken hat. Dessen Herausforderung ist der Schwerpunkt, der hinter den Hauptfahrwerksbeinen liegt. Mit Folgen vor allem für die Landung: Liegt der Massenschwerpunkt vor dem Fahrwerk, hat er einen stabilisierenden Effekt. Liegt er dahinter, schiebt er das Flugzeug um seinen Drehpunkt, das Hauptfahrwerk. Je weiter der Schwerpunkt hinter dem Fahrwerk aus der Mittellinie schwenkt, desto größer wird also die Hebelkraft, mit dem er das Flugzeug dreht. Und so reichen Seitenwindgeschwindigkeiten von zehn Knoten aus, um dem Piloten alles abzuverlangen. Generell gilt deshalb, dass es nur zwei Arten von Piloten in einer Stearman gibt: Die, die den Ringelpietz – eine unkontrollierte, scharfe Drehung mit Aufsetzen der Flügel auf den Boden – schon hinter sich haben, und diejenigen, denen er noch bevorsteht.

Ihr anspruchsvolles Handling war allerdings nicht der Grund, dass der Konstrukteur Lloyd Stearman 1934 den Auftrag für ein neues Schulungsflugzeug von der US Armee erhielt. Der von ihm konstruierte Prototyp erwies sich als sehr robust mit gleichzeitig guten Flugeigenschaften. Daher wurde das Modell 75 zum Standardtrainer des Air Corps sowie der US Navy und insgesamt mehr als 10.000-mal gebaut. Das Exemplar der Flying Bulls erblickte 1942 das Licht der Welt, ursprünglich ausgestattet mit einem 220 PS starken Lycoming-Triebwerk. Wie viele andere Stearmans nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch unser Modell mit einem 450 PS starken Pratt & Whitney R-985- Antrieb aufgerüstet und fand dann Verwendung als landwirtschaftliches Sprühflugzeug.

Nach ihrer Restauration verfügt die Stearman der Flying Bulls über vier Querruder bei einer Spannweite von 9,80 Meter sowie über einen bärenstarken Pratt & Whitney Junior-Wasp-Motor. Und der macht viel von ihrer Faszination aus, denn er verleiht ihr die Steigfähigkeit eines Learjets. Das Stahlrohrgerüst der Zelle und das Tragwerk sind aus Gewichtsgründen zu weiten Teilen mit Stoff bespannt. Die offene Konstruktion rät selbst bei heißem Wetter zu dicker Kleidung. Die beste Erkältungsprophylaxe für die Insassen ist dabei der Motor selbst, der mit einem Verbrauch von rund 70 Litern pro Stunde spätestens nach zwei Stunden zur Landung zwingt. Für die einen Piloten eine Erlösung – für die anderen eine viel zu schnelle Rückkehr in die Gegenwart.

Weiterführende Informationen

Sigi Angerer's Logbuch

Stearman PT - 17

Nicht an allen Flugzeugen, die bei uns fliegen, bin ich schuld! Trotzdem mag ich sie, auch höhere Wünsche werden gern erfüllt, nur fliegen eben meist jüngere Piloten damit. Immer wenn ich einen Flugzeugtraum hatte, besorgte ich mir zuerst das Bedienungshandbuch - so auch bei der Stearman. In diesem Fall allerdings legte ich es bald zur Seite. Als ich dann 30 Jahre später mit unserer wunderschönen blauen PT-17 einige Flüge machte, wusste ich, dass ich damals Recht hatte. Ich bin eben kein Harleyfahrer, immerhin hatte ich zu jener Zeit einen Morgan Plus 8 zu meiner Ehrenrettung.

Kurz und gut, vor ca. fünf Jahren wollten wir eine Stearman, so schickte ich unseren Restaurator Hubert auf Erkundungsreise nach Braunschweig, denn mein dortiger Freund Martin Volke, der sonst ein ganz netter Mensch ist, hat drei fliegende Stearmänner! Hubert wurde dann in den USA fündig, kaufte, restaurierte und kaum vier Jahre später hatten wir die schönste Stearman der Welt. Die ersten Flüge hatten mich sehr beeindruckt, denn in der Luft fühlt man sich in die Zeit der Flugpioniere zurückversetzt. Die offene Bauweise, bei der der Pilot den hinteren Sitz einnimmt, macht den kraftvollen Sound des Motors zu einem Erlebnis für den ganzen Körper.

Gerüche und Düfte der Landschaft sowie des 9-Zylinders dringen ungefiltert zu den Insassen vor. Der hohe Anstellwinkel schränkt die Sicht stark ein, weshalb man die Stearman am Himmel in ständiger Bewegung sieht. Denn nur durch Neigen und Kurven lässt sich die Aussicht erst wirklich genießen. Die Landung sollte dann geradeaus erfolgen, was ja nicht immer gelang! Damals, jedenfalls, besorgte ich mir das nächste Betriebshandbuch: F4U Corsair, die Geschichte kennt man ja inzwischen!

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